Mami, darf ich ein Eis?Mami, darf ich ein Eis?



Kategorie: <<< Erziehung
200802So.Nov
Diese harmlose Frage beinhaltet vordergründig ein fehlendes Prädikat. Es steckt aber mehr dahinter. Wenn ein Mensch zwischen 4 und 8 Jahren ein voll ausgewachsenes Kind darstellt, dann ist der Umgang mit der Umwelt ein hochgradig optimierter Prozess. Nicht nur die Inhalte der Botschaft sind optimiert, auch die Art der Darreichung ist mit speziellem Tonfall oder auch besonders lang oder kurz gehaltenen Vokalen angereichert, um einen bestimmten Effekt in der Zielperson der Botschaft auszulösen.

"Hallo Herr Klauer!
Was machen Sie da gerade?"

"Oh- Hallo Professor Sücho - wie kommen Sie denn hier herein?"


"Durch die Tür, Herr Klauer. Durch die Tür. Ihr nettes Kind öffnete mir und rannte dann weg."

"Ist denn meine Frau nicht da??"

"Keine Sorge, Herr Klauer. Sie steht unter der Dusche. Ich habe sie dort gesehen, als ich mir die Hände wusch, weil ich etwas Klebriges aufgehoben habe, das Ihr Kind fallen lies."

"Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches, Herr Professor?"

"Ich halte heute Abend einen Vortrag an der Uni "Kommunikation und die Folgen" und wollte Sie persönlich als "VIP" dazu einladen. Was machen Sie gerade? Zeigen Sie mal.
Ah ja.
Herr Klauer, ich befürchte, Sie benötigen Hilfe. Ich habe das konkrete Gefühl, dass Sie das vermasseln."

Ich bin sprachlos.

"Ah da steht ja so ein Senseo-Kaffeautomat. Ich mache mir nur schnell eine Tasse heißen Kaffee damit, wenns Recht ist."

Er fragt nicht. Er tut einfach. Er nimmt nur einen Pad aus der koffeinfreien Dose (die große mit, die kleine ohne Koffein), stellt aber eine große Tasse unter den Tüttel und ignoriert den daneben liegenden Doppeltasseneinsatz für große Tassen, mit dem er 2 Pads verarbeiten könnte. Er drückt auf den Zweier-Knopf und läßt die armselige Brühe in die Tasse laufen. Er verdünnt die Laberbrühe mit einem Schuß kalter Milch. Ich helfe ihm nicht. Ich BEMERKE seine Fehler nicht einmal. Er nimmt einen Schluck.

"Ah! Ihr Kaffee ist köstlich."

"Ihr letzter Besuch war anläßlich dieses tollen Blaubär Musicals, wenn ich mich recht erinnere."

"Sie erinnern recht, Herr Klauer. Aber das Musical wurde abgesetzt. Sie sollten nicht so viel am Computer sitzen. Deshalb bekommen Sie nicht mit, was in der großen Welt so passiert."

Hurra! Ich weiß mehr als der Professor! "Ja, Professor Sücho, das stimmt. Es wurde abgesetzt. Aber es ist jetzt wieder angesetzt. Am 26.12.2008 in Berlin im Velodrom, Karten ab 19,90EUR."

"Herr Klauer, lassen Sie uns doch Ihr Projekt untersuchen. Meine Zeit ist kostbar."

(hihi) "Äh ja. Ich wollte zunächst auf die Anrede eingehen. Danach den Grund für das offenbar fehlende Prädikat klarstellen."

"Lassen Sie uns diese fünf Worte der Reihe nach analysieren. Wir werden nicht vom Anfang zum letzten, fehlenden Wort springen. Das wäre nicht wissenschaftlich. Der Reihe nach, Herr Klauer. Immer der Reihe nach."

"Dann lege ich mal los."
  • Mami
    Mami ist die Koseform von Mama und wird bei dieser Frage häufig mit langgezogenem "i" gesprochen. Die direkte Anrede der Zielperson erfolgt bei Anwesenheit mehrerer Erziehungsberechtigter, nachdem diejenige Person durch hochkomplexe, mathematische Analysen ausgemacht wurde, die am wahrscheinlichsten dem Ansinnen mit "Ja" entspricht. Die Koseform stellt die Vertrautheit zwischen dem Fragenden und der Zielperson in den Vordergrund und soll eine entspannte Atmosphäre schaffen.
  • darf
    Die Benutzung des Verbes "dürfen" zeigt, dass wir es mit einem verständigen Antragsteller zu tun haben. Die mögliche Beschaffung des gewünschten Nahrungsmittels wird nicht als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Hierarchie wird respektiert, das Kind erkennt die Führerschaft des angesprochenen Erziehungsberechtigten an.
  • ich
    Hier wird klargestellt, dass es sich um eine bestimmte Einzelperson handelt, deren Bedürfnis befriedigt werden soll. Auch bei Anwesenheit von mehreren Kindern wird nicht darauf eingegangen, dass unter Umständen die Befriedigung mehrerer Bedürfnisträger anstehen könnte. Dieses "ich" verstärkt die Kommunikationslinie zwischen "Du" (Mami) und "ich" (Kind) und verdeutlicht das Abhängigkeitsverhältnis. Es ist auch nur eine einzige Person zu versorgen - ein Klacks für den Entscheider!
  • ein
    Die Konkretisierung der Menge durch die Benutzung des Singulars legt fest, dass das Bedürfnis nach Eis bereits nach einer einzigen Portion befriedigt ist. Dies verdeutlicht, wie wenig das Kind eigentlich haben möchte. Die womöglich Bauchschmerzen verursachende Eismenge wird verniedlicht, ohne sie jedoch tatsächlich durch ein Adjektiv wie "kleines" oder "großes" zu konkretisieren. Es bleibt Verhandlungsspielraum für die Zeit nach der Antwort.
  • Eis
    Dieses Grundnahrungsmittel wird vom durchschnittlichen Erziehungsberechtigten NICHT als solches anerkannt, sondern meist (und aus Sicht des Antragstellers völlig unverdient) in die Ecke der sogenannten "Süßigkeiten" gestellt. Allgemein wird angenommen, dass Eis durch seinen hohen Fett- und Zuckergehalt dick machen könnte. Kinder dagegen sehen in Eis ein hochwertiges Produkt, welches aus ausgewogenen und kindgerechten Zutaten besteht.
  • <fehlendes Wort "haben", "essen", "bekommen", ...>
    Offenbar fehlt der Frage ein Wort. Der durchschnittliche Erziehungsberechtigte legt Wert darauf, dass sich das Kind in vollständigen, grammatikalisch korrekten Sätzen mitteilt. Hier liegt aber offenbar ein Fehler vor, denn es fehlt das Prädikat. Eine Nachlässigkeit des Kindes, die korrigiert werden muss?
    Nein. Es ist keine Nachlässigkeit, es ist Absicht. Zunächst einmal muss klargestellt werden, dass dieser Satz - auch ohne das fehlende Wort - von jedem Deutschen vollständig verstanden wird. Im Sinne des Informationsgehaltes bleibt auch nicht der geringste Rest von Unklarheit.
    Wir haben es mit hochoptimierter, zielgerichteter Kommunikationskunst zu tun. Das offenbar fehlende Wort lenkt vom eigentlichen Problem ab:

    Das Kind ißt sich an einem Eis satt, möchte dann beim Essen nichts haben und hat kurz danach wieder Lust auf Süßes.

    Die Ablenkung gibt dem Erziehungsberechtigten die Gelegenheit, das Kind zu korrigieren (Sprich in ganzen Sätzen!). Die prompt vorgenommene Korrektur verhindert in aller Regel den negativen Bescheid des Ansinnens. Nur wenige Erziehungsberechtigte schaffen es, das Mündel zweimal hintereinander mit negativen Maßnahmen zu überziehen. Das fehlende Wort hat in etwa die gleiche Funktion wie eine Opferanode am Schiffsrumpf. Die Korrektur des Kindes verbraucht die eventuell vorhandene, negative Energie und erhöht die Wahrscheinlichkeit des Eisgenusses.

    Das Wort fehlt also nicht, es wird absichtlich weggelassen, um Erziehungsberechtigten die Gelegenheit zu geben, negative Energie abzubauen und im weiteren Verlauf die eigentliche Frage positiv zu entscheiden.

    Ein tatsächlich negativer Entscheid führt zu zähen Verhandlungen über andere Vergünstigungen, die dem Antragssteller dann aber ersatzweise zugesichert werden müssen.


"Sehr schön Herr Klauer. Sehen Sie, es geht doch. Ihre Abhandlung ist zwar sehr kurz geraten und könnte an der einen oder anderen Stelle noch wesentlich vertieft werden, aber Sie haben den Kern getroffen. Opferanode. Das merke ich mir."

"Vielen Dank. Ich denke, wir werden heute abend zu Ihrem Vortrag kommen."

"Ja, dann verabschiede ich mich. Ich muss noch etwas vorbereiten. Vielen Dank für den köstlichen Kaffee. Auf Wiedersehen!"

"Auf Wiedersehen."

Peter Klauer

200802So.Nov
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